„Der Betriebsratsvorsitzende ist der ‚Frontmann‘“

© ifb
Teilen: 

Persönliche Entwicklung, wachsende Herausforderungen und Weiterbildung – BRV Kai Spiegelberg im Interview

Zwölf Jahre an der Spitze eines Betriebsratsgremiums verändern einen fachlich wie menschlich. Kai Spiegelberg erzählt, wie ihn das Amt ruhiger und besonnener gemacht hat, warum es aufgrund der heutigen Krisen kein „Schema F“ mehr gibt und welche Eigenschaften Betriebsratsvorsitzende wirklich brauchen. Ein Gespräch über Verantwortung, Vertrauen und die zentrale Rolle von Weiterbildung – mehr als 110 Seminare hat der 50-Jährige bereits beim ifb „absolviert“.

Kai, haben Dich die letzten zwölf Jahre als Betriebsratsvorsitzender verändert?

Kai Spiegelberg: Ja, tatsächlich und das höre ich auch immer wieder aus der Belegschaft. „Dazwischen liegen Welten“, bekomme ich häufig gespiegelt. Ich war früher viel impulsiver, das lag irgendwie in meiner Natur. Das BRV-Amt hat mich ruhiger und besonnener gemacht. Und ich habe ein ganz anderes Auftreten, weil ich längst verstanden habe, dass Bereichsvorstand und Geschäftsführer auch nur mit Wasser kochen. Generell empfinde ich meine Entwicklung als äußerst positiv – und ich glaube, das geht vielen Betriebsratsvorsitzenden so. 

Zitat

Wegducken bringt ohnehin nichts.

Zitat

Andersrum: Was hat sich in der Betriebsratsarbeit im Vergleich zu früher getan?

Kai Spiegelberg: Ich bin der Meinung, die Zeit ist herausfordernder geworden. Gefühlt geht es von einer Krise in die nächste. Ein „Schema F“ gibt es nicht mehr, jeden Tag könnte etwas anderes kommen. Man nimmt sich etwas vor und dann kommt immer noch „on top“ was drauf. Vor vielen Jahren hätte ich da noch nicht so ad hoc reagieren können, mit der Zeit fällt das immer leichter. Und Wegducken bringt ohnehin nichts, denn eine Transformation beispielsweise muss der Betriebsratsvorsitzende nun mal begleiten, ob er will oder nicht.

Kai Spiegelberg erzählt, wie ihn das Amt ruhiger und besonnener gemacht hat.

Gibt es etwas, das Du rückblickend heute anders machen würdest?

Kai Spiegelberg: Das ist eine schwierige Frage! Ich bin ein Typ, der schwer nein sagen kann, was früher noch schlimmer war. Wenn ich etwas selber mache, weiß ich zumindest, dass es nach meinen Vorstellungen passiert. Dennoch musste ich lernen, zu delegieren – das war schon eine Schwäche von mir. Sonst bin ich allerdings der festen Überzeugung, dass ich mich, so wie ich bin, auf dem richtigen Weg befinde.

Welche Charaktereigenschaften sollte ein Betriebsratsvorsitzender denn mitbringen?

Kai Spiegelberg: Man muss auf alle Fälle zuhören und andere ausreden lassen können. Es ist erstaunlich, wie wenige das wirklich können. Zudem ist Widerstandsfähigkeit wichtig, ein breites Kreuz schadet jedenfalls nicht. Und man sollte mit – vermeintlichen – Niederlagen umgehen können, schließlich lebt die BR-Arbeit von Kompromissen. Gleichzeitig müssen sich Betriebsratsvorsitzende schon mal durchsetzen und sollten deshalb standhaft bleiben, auch innerhalb des Gremiums. Ich kenne ein paar Betriebsräte, die sind sehr wankelmütig. Das Gute ist: All das kann man lernen.

An Herausforderungen mangelt es Dir als Betriebsratsvorsitzender also nicht …

Kai Spiegelberg: Nein, auf keinen Fall! Als Betriebsratsvorsitzender steht man nun mal an erster Stelle, weil man ja oft direkt mit dem Arbeitgeber im Austausch ist. Wir vertreten die Meinung des Gremiums und tragen sie vor, was nicht zwangsläufig immer die eigene sein muss. Womöglich ist das der große Unterschied zu „normalen“ BR-Mitgliedern – der BRV ist sowas wie der „Frontmann“. Aber ich brenne für die Aufgabe, sonst würde ich es nicht machen. Und gleichzeitig habe ich ein Gremium im Rücken, auf das ich mich absolut verlassen kann. Andersrum wissen sie, was sie an mir haben. Da ist also ganz viel gegenseitiges Vertrauen da.

Zitat

Ich habe ein Gremium im Rücken, auf das ich mich absolut verlassen kann.

Zitat

Weiterbildung spielt bei Dir eine große Rolle – warum ist das so?

Kai Spiegelberg: Ohne Fortbildung geht es nicht! Du kannst nicht mit dem Arbeitgeber auf Augenhöhe verhandeln, wenn du dir nicht das entsprechend Know-how angeeignet hast. Man kann sich noch so viel über Google anlesen, das Wissen sollte man sich direkt von den Experten holen. Was anderes macht der Arbeitgeber ja auch nicht – er lässt sein Mitarbeiter ebenfalls schulen. Und dann ist es aus meiner Sicht ratsam, die Dinge immer wieder aufzufrischen, um zu sehen, was sich verändert hat.

Welche Bereiche liegen Dir dabei besonders am Herzen?

Kai Spiegelberg: Mein Steckenpferd ist das Arbeits- und Betriebsverfassungsrecht. Das war gar nicht unbedingt geplant, sondern hat sich so entwickelt. Manche behaupten, das seien trockene Themen, ich finde es jedoch höchst spannend. Davon abgesehen ist der Arbeits- und Gesundheitsschutz alles andere als unwichtig, liegt aber häufig brach. Generell freut es mich, wenn ich das Erlernte in Verhandlungen mit dem Arbeitgeber anwenden kann. Da heißt es dann schon mal: „Immer wenn der Kai vom Seminar kommt, hat er wieder was Neues“ – daran haben sie sich scheinbar gewöhnt. Ich muss aber sagen, dass es bei uns ein faires Geben und Nehmen mit dem Arbeitgeber ist. Alles auf vernünftiger Art und Weise, was keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist. 

Zitat

Immer wenn der Kai vom Seminar kommt, hat er wieder was Neues.

Zitat

Gibt es etwas, was Du in Sachen Weiterbildung allen neuen Betriebsratsvorsitzenden raten würdest?

Kai Spiegelberg: Unbedingt dranbleiben und das regelmäßig! Erkenne ich Wissenslücken, gilt es, diese unbedingt zu schließen. Und da stehe ich als BRV nun mal etwas mehr in der Verantwortung. Es gibt genügend Seminare, Webinare oder Fachtagungen für Betriebsratsvorsitzende, die ich wärmstens empfehlen kann. Und: Lernt von den anderen! Niemand hat die Weisheit mit Löffeln gefressen, insofern bringt ein intensiver Austausch immer was. 

Was motiviert Dich denn nach zwölf Jahren als Betriebsratsvorsitzender noch immer?

Kai Spiegelberg: Bei uns stehen einige Veränderungen an und die möchte ich mit dem Wissen, das ich habe, begleiten. Wir alle wissen nicht, was in den nächsten Jahren alles passiert, haben vielleicht eine gewisse Vorahnung und diesen Weg würde ich gerne mitgestalten. Das motiviert mich, da weiterzumachen – in dem vollen Bewusstsein, das es nicht leichter wird. Deshalb möchte ich das schon gerne noch ein paar Jahre machen. Gleichzeitig klebe ich nicht an meinem Stuhl, sondern bin innerlich vorbereitet, dass die Zeit als Betriebsrat durchaus mal vorbei sein kann. (tis)

Kai Spiegelberg | © ifb

Kai Spiegelberg

Kai Spiegelberg ist seit zwölf Jahren Betriebsratsvorsitzender bei Bosch in Hainburg. In dieser Zeit hat der 50-Jährige über 100 Seminare zur Fortbildung besucht.

Sie möchten mehr über Kai Spiegelberg erfahren? 

Kontakt zur Redaktion

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Wenden Sie sich gerne direkt an unsere Redaktion. Wir freuen uns über konstruktives Feedback!

redaktion-dbr@ifb.de

Jetzt weiterlesen